Kapitel 1

24. August 2009

Langsam brach die Nacht herein.
Es war ein schöner Tag in dieser kleinen Stadt,
die Menschen wirkten fröhlich und ausgelassen,
es war warm, aber diese tropische Hitze war weg.
Die letzten Eiscafes räumten langsam zusammen,
ohne Hektik, so, als läge der Feierabend noch in weiter Ferne.
Am wolkenlosen Horizont sah man die letzten Strahlen,
und die Krähen in den Bäumen sammelten sich,
um bald zu ihren Schlafplätzen aufzubrechen.
Am Brunnen auf dem Marktplatz saß ein Paar,
das sich innig küsste, es waren junge Menschen,
vielleicht sechzehn oder siebzehn.
Der Junge flüsterte dem Mädchen etwas ins Ohr,
und sie lachte, so, als sei es ihr ein wenig peinlich,
was sie da gerade gehört hatte.
Ein Hund schlich an den Geschäften der Fußgängerzone entlang,
er trug kein Halsband, wohl ein Streuner,
auf der Suche nach etwas essbarem,
schnüffelnd von Schaufenster zu Schaufenster.
Die vollen Papierkörbe warteten darauf, entleert zu werden,
und der Geruch von Diesel lag in der Luft,
von den ersten Taxis, die Menschen in die Stadt brachten,
um zu feiern, den Sommerabend zu genießen.
Die Glocke vom Kirchturm ertönte, schon neun.

Ich sah nur wenige Menschen,
dass Paar hatte sich inzwischen aufgemacht,
vermutlich ins nahe Einkaufszentrum,
in dem es die letzte Diskothek der Stadt gab,
ganz oben, auf der zweiten Etage.
Ein kleiner Club in einer kleinen Stadt,
immer die selben Leute, und auch immer die selbe Musik.
Trotzdem sehr beliebt bei den jungen Leuten,
aber auch ich fühlte mich noch wohl dort.

Endlich zu Hause.
In meiner Wohnung angekommen öffnete ich die Fenster,
und die beiden Tauben, die die Nacht im Baum daneben verbrachten,
saßen zärtlich nebeneinander und pflegten ihr Gefieder,
wohl ihre letzte Handlung vor der hereinbrechenden Dunkelheit.
Ihr Gurren hörte man nur noch sehr leise,
so, als wären sie weit weg.
Und plötzlich wurde es laut, so, wie es jeden Abend laut wurde,
erst brechen die Krähen zu ihren Schlafplätzen auf,
und dann verkündet der Kirchtum den Anfang der Nacht,
einundzwanzig Uhr.

Es war warm hier oben unter dem Dach,
und ich schwitze, obwohl ich mich kaum bewegte,
relativ entspannt saß ich vor meinem Rechner,
aus meinen Lautsprechern ruhige Musik,
die perfekt zu Stimmung und Wetter passte.
Und auch meine Gedanken waren ruhig an diesem Abend,
gelassen bewegte ich mich auf meinen gewohnten Wegen im Internet,
mein ganz eigenes kleines persönliches Tor in die Welt,
das ich um keinen Preis dieser Welt mehr missen mochte.
Die Kaltlichtröhre warf ein helles Licht auf meine Tastatur,
die Lampe aus dem schwedischen Möbelhaus beleuchtete meine Wohnung.

Der Fernseher war aus,
so wie in den letzten Wochen eigentlich immer,
da die Kabelgesellschaft da war,
und den Zugang unten im Haus gesperrt hatte.
Irgendwann musste es ja mal auffallen,
dass unser halbes Haus illegal schaut.
Aber ich vermisste fast nichts,
vielleicht in der Nacht, wenn CNN aufs amerikanische Programm schaltet,
und man Wolf Blitzer sehen kann, oder Anderson Cooper.
Alles andere war eh nur ein sinnfreies Zappen
durch das Hartz IV Programm,
selbst die öffentlich rechtlichen boten nicht mehr das,
was ich früher einst so geschätzt hatte.

Mein Telefon klingelte.
So spät noch, in der Woche?
Ungläubig sah ich aufs Display,
Nummer unterdrückt.
Irgendwie wollte ich nicht abheben,
doch nach einigen Sekunden des Zögerns
drückte ich die grüne Taste.

„Ja, hallo?“

Ich bekam keine Antwort,
und mein Herz begann, lauter zu schlagen.

„Hallo, wer ist denn da?“

„Hi, ich bins, können wir reden?“

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Laut Albert E. ja nicht.

Ein sehr guter Freund von mir glaubt daran,
das es kein Schicksal gibt,
das unser Leben vorherbestimmt ist,
unplanbar, es passiert einfach,
so, als stünde es in einem großen Buch geschrieben,
für jeden Menschen der eigene Roman,
mal tragisch, mal lustig, oder romantisch,
oder halt von alle dem ein wenig.
Wenn ich mein eigenes Buch betrachte,
dann überwiegen die schönen Zeiten,
in denen ich glücklich und zufrieden war,
es waren gute Zeiten, die ich gelebt habe.

Und nun beginne ich damit,
aus den schlechten Erfahrungen meine Lehren zu ziehen,
zu akzeptieren, was man nicht mehr ändern kann,
was passiert ist, was man gesagt und gemacht hat,
als es mir nicht sonderlich gut ging.
Ich habe festgestellt,
dass man langsamer wird,
wenn man sich verkriecht,
und sich seinen Sorgen und Ängsten hingibt,
man verliert den Fokus für Dinge,
die eigentlich wichtig sind,
die einem am Leben halten.

Es gibt diese Rückschläge,
diese tiefen Enttäuschungen,
aber wenn man es nicht zulässt,
für sein eigenes Wohl zu kämpfen,
kann man nicht stark werden,
nicht wachsen an dem,
was einen stärker machen kann.
Wenn man seinen Kopf im Sand stecken lässt,
ist es mehr als natürlich,
dass man beginnt, sich im Kreis zu drehen,
sich seinen dunklen Gedanken hinzugeben.

Noch bin ich hier am Anfang,
und versuche Tag für Tag ein wenig mehr,
aus der Vergangenheit zu lernen,
besonders aus dem Fehler,
nicht nach vorne zu schauen,
und keine Freude zu zulassen.
Falls es Euch da ähnlich ergeht,
oder schon mal ergangen ist,
dann wisst Ihr ja, worüber ich hier schreibe.
Und wenn auch Ihr gerade in einer Krise steckt,
dann kann ich Euch nur raten,
sich nicht zu vergraben.
Ich habe diesen Fehler gemacht,
und musste die Konsequenzen tragen,
sonst wäre ich nicht dort,
wo ich gerade bin.
Auch wenn man ganz unten ankommt,
es geht immer wieder bergauf,
so steht es geschrieben,
in jedem einzelnen Buch der Menschheit.

Schicksal? Nein. Bestimmung? Ja.

Gedanken am Sonntag

28. Juni 2009

Nun bin ich schon fast eine Woche in Hamburg.

Und die Ablenkung, die ich hier habe,
hilft mir jeden Tag ein Stück mehr,
ein wenig klarer und objektiver zu denken.
Meine schlimmen Erinnerungen
tauchen natürlich auch noch hin und wieder auf,
besonders Nachts in meinen Träumen
ist es teilweise sehr heftig,
aber es wirkt nich mehr so lange nach,
tagsüber komme ich mehr oder minder zurecht.
Deswegen bin ich meinem Freund hier
auch mehr als dankbar,
dass ich ihn besuchen konnte,
ohne Jakob wäre ich momentan ziemlich lost.

Und ewig werde ich auch nicht in Hamburg bleiben können,
irgendwann kann man sich nicht mehr verstecken,
vor seinen Gefühlen weglaufen,
so schmerzhaft und überwältigend diese auch sein mögen.
Die Zeiten des Verkriechens müssen bald ein Ende haben,
aber ich werde einen Teufel tun,
mich auf einen besteimmten Termin festzulegen,
das würde mich nämlich noch ziemlich überfordern.

Vielleicht finde ich ja hier in den nächsten Tagen die nötige Ruhe,
um weiter an meinem Buch zu schreiben,
bisher haperte es leider an der Motivation.
Ich werde Euch aber weiterhin berichten,
wie es mir hier geht, was ich mache und erlebe,
und ich hoffe auch noch immer auf
mein kleines, persönliches Wunder,
das mir Sorgen und Angst nehmen könnte.

Bleibt neugierig!

Das Wetter war alles andere als gut, kalt, trostlos.
Der Regen peitschte mit Gewalt gegen die Windschutzscheibe,
die Scheibenwischer hatten Mühe, das traurige Nass zu verdrängen.
Pfützen am Straßenrand hatten sich in gefährliche Seen verwandelt,
in denen sich die Scheinwerfer der Autos hektisch spiegelten.
Es wirkte auf meine Augen wie ein Tanz von grellem Neonlicht in Untiefen,
und dieses flaue Gefühl in meinem Magen wurde dadurch noch verstärkt,
nervös war ich eh schon. Meine Gedanken tanzten im Kopf auf und ab
wie kleine Kinder auf einer Hüpfburg, und im Gegensatz zu den Kindern
drohten meine Kapriolen im Kopf undefinierbare Überschläge zu machen,
und schließlich unsanft auf dem harten Beton zu landen,
und dieser Beton wurde mehr und mehr zu einer Realität, meiner Realität,
die ich noch nicht in der Lage war, zu verstehen, geschweige denn zu akzeptieren.
Meine Gedanken zogen Kreise, und diese Kreise wurden mit jedem Meter
auf dem nassen Asphalt größer, gewaltiger, und sie drohten, mich zu übermannen.
Ich sah nur noch verschwommen, und meine Augen begannen, schwer zu werden.
Ich versuchte, tief zu atmen, meine Gefühle zu unterdrücken,
doch schon der erste Atemzug blieb mir im Hals stecken,
zugeschnürt war meine Kehle, mein Mund trocken.

Endlich zu Hause.

Die letzten Meter vor der alles entscheidenden Türe wurden zu einem Kampf,
ein ungleicher Kampf, und ich wusste genau, ich würde ihn diesmal wieder verlieren.
Denn geplant war das alles nicht, und ich hätte nie damit gerechnet,
da mein Glaube an solche Dinge im Laufe der Jahre an Stärke verloren hatte.
Gebrannte Kinder scheuen bekanntlich das Feuer, doch wie sollte ich es erkennen,
wenn man statt auf ein loderndes Inferno auf eine sich sanft wiegende Flamme trifft?
Hätte ich mir damals gewünscht, hinter die scheinbare Fassade
eines Menschen zu blicken, es wäre mir auch mit einer Wunderlampe
inklusive Geist nicht gelungen, viel zu intensiv und nahezu unglaublich war dieser eine,
wundervolle Moment, ein Moment, den sich wohl ein jeder von uns wünscht,
manche haben ihn erlebt, andere glaubten, ihn erlebt zu haben,
doch den meisten von uns blieb und bleibt er für immer verwehrt.
Wenn ich heute darüber nachdenke, dann beneide ich die, die ihn nie erleben mussten,
und denen, die ihn erlebt haben, wünsche ich von ganzem Herzen,
dass dieser einzigartige, in meinen Augen einmalige Moment,
ein Begleiter für das Leben wird. So viel Gutes kann daraus wachsen,
erst ein Samenkorn, mit ein wenig Pflege beginnt es zu keimen,
es wird stärker, größer, und wenn das Wurzelwerk der Zwischenmenschlichkeit
seinen festen Boden gefunden hat, bedarf es schon den Verstand sprengende Umstände,
um mit einem Spaten aus Kälte und Verzweiflung
die zart gewachsenen Triebe zu durchtrennen,
ihnen die lebensnotwendige Grundlage zu rauben.

Was dann noch übrig ist, verkümmert langsam,
und auch das wärmende Licht der Sonne vermag nach einer Zeit
nichts mehr auszurichten, das Mondlicht und die Schatten der Nacht
werden zu einem ständigen Begleiter,
der einen umhüllt, verschlingt und irgendwann zerstört.

Es ist ein schleichender Prozess, erst nimmt man ihn nicht wahr,
ignoriert die Zeichen, redet sich Dinge ein, die keiner Realität mehr entsprechen,
baut sich Luftschlösser, man lebt in einer Traumwelt, man lebt eine bedrückende Illusion.
Nach einer Zeit zerplatzen die ersten Seifenblasen,
die Mauern der Festungen beginnen nachzugeben,
selbst entworfene Welten entpuppen sich als undurchdringliches Schattenreich.
Und dann bricht alles zusammen, mit der Wucht eines Katapults,
dass die mächtigen Krieger im eigenen Kopf gegen Seele und Herz schleudern.
Und genau hier ist der Punkt erreicht, an dem man damit aufhört, zu fühlen.
Aus Hoffnung werden Schmerzen, ein nicht zu ertragender Zustand,
schleichend und leise frisst sich eine Gewissheit durch Mark und Bein,
die schnell ein Stadium erreicht hat, an dem man keine Kraft mehr verspürt,
keinen Mut, keine Kühnheit. Die Dinge beginnen, sich loszusagen,
und ich war bereit, diesen ungleichen Kampf aufzugeben.
Im Sumpf des Rausches betäubt umgab mich eine seltsame Stille,
die mir mit erschreckend lauter Klarheit sagte

„Warum denn noch?“.

Langsam verstrich die Zeit, aus Minuten wurden Stunden, aus Tagen Wochen.
Eine gigantische Sanduhr, und jedes einzelne Korn
prasselte im Chaos der Gefühle herab, schmerzhaft, erschlagend.
Aber warum tat es so weh, wieso schien all dies so verständlich?
Wieso musste es überhaupt so weit kommen, was war geschehen?
Je mehr das Gift meinen Körper verließ, umso deutlicher wurde es.
es wurde zu meiner bittersten persönlichen Erfahrung.

„Im Krieg und in der Liebe sind alle Mittel erlaubt“

Danke, Napoleon, Du Vollidiot!

Man kann verletzt sein, enttäuscht, traurig, alleine, unverstanden,
aber das gibt einem Menschen noch lange nicht das Recht, unlautere Mittel einzusetzen.
Schweigen ist Gold, und hätte ich einfach meinen Mund gehalten, einfach fernbleiben,
die gewohnte Umgebung meiden, wer weiß, ob dann heute wieder alles in Ordnung wäre.

Wäre es?

Es ist diese eine kleine Frage, und nie zuvor hat mich eine Frage so sehr beschäftigt,
in ihren Bann gezogen, ja nahezu mit einer Phantasie erfüllt,
die heute leider keiner Realität mehr entspricht. Was ist noch von damals geblieben?
Ein Scherbenhaufen, Wut und Hass,
der deutlicher nicht spürbarer gemacht werden könnte.
Und darin liegt ein großes Stück Gerechtigkeit, nun stehe ich vor meinem Richter,
deutlicher hätte das Urteil nicht sein können,
und die mehr oder minder freundlichen Hinweise
ihrer Mitmenschen waren bestärkend.

Ich zahlte und ging.

Warum ich das geschrieben habe?

Es soll keine Entschuldigung für die vergangenen Wochen sein,
das habe ich bereits gemacht.
Es ist viel passiert, einiges zerbrochen über lange Zeit,
in der man sich Liebe anders vorstellt.
Wenn man von heute auf morgen den wichtigsten Teil in seinem Leben verliert,
das Wertvollste, was man jemals finden durfte,
dann ist ein Ritt durch die Hölle kein Vergleich dazu.
Man tauscht das Blau des Himmels gegen abgrundtiefe Nacht.

Und alles, was dann passieren musste, oder einfach nur passiert ist, keine Ahnung,
ob man es Schicksal nennen darf, da ich mir in den letzten Wochen
immer wieder einreden wollte, allmächtig zu sein,
doch meine Geschicke vermochten nie, leider nie,
auch nur ein wenig am unaufhaltsamen Rad der Zeit zu drehen,
etwas Unmögliches zu schaffen, was nicht jeden Menschenverstand sprengt,
so fest können keine Ketten um schöne Begebenheiten liegen,
als das man sie nicht mit einer perversen Macht umgibt,
die jeden Lebenswillen raubt.

Ich fühlte Finger.

Seine kleine Hand war kalt, zitterte.
Sie umschloss meinen Daumen mit einer großen Kraft,
nahezu erdrückend, und man spürte diese hilflose Leere.
Als ich in seine Augen sah, erschrak ich, und auch ich hätte in diesem Moment
einfach nur noch losheulen können, aber ich wollte ihm nicht noch stärker zeigen,
wie zerstörend, wie grausam die letzten Wochen für uns alle waren.
Leise versuchte ich, meinen Blick abzuwenden, doch ich schaffte es nicht,
wie hätte ich auch, mein Herz begann lauter zu schlagen,
Tränen stiegen mir in die Augen, es tat einfach nur noch weh.

Ich ging in die Knie und schaute ihn mit einem verkrampften Lächeln,
welches mehr als unheimlich ausgesehen haben musste, an.
Dann drang diese kleine Stimme durch mein Mark und Bein,
und ich wusste, welche Leere nun die Welt umgeben würde.

„Können wir gehen? Mama ist ja jetzt weg.“

Vielleicht warte ich noch auf die Morgendämmerung, ein erstes kleines Licht.

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Das erste Kapitel wird bald folgen,
ich würde mich über Feedback zu meinem Versuch,
etwas Prosa aus meinem Kopf in Euer Leben zu bringen, freuen.

Bleibt neugierig!