Im Rausch betäubt

7. Juni 2012

Nur noch wenig Licht des Tages drang durch die kleinen Fenster der Wohnung, in der einst Glück und Zufriedenheit wohnte. Es war fast schon Winter, doch die Temperaturen gaukelten den Menschen eine späte Form des Sommers vor, es war für diese Jahreszeit zu warm. Gedämpfte Geräusche der nahen Stadt drangen hinein, man hörte Autos, Berufsverkehr. Das Bett war nicht gemacht, die Decke lag noch wild auf der Matratze, letzte Spuren einer unruhigen Nacht, die am Morgen ein jähes Ende gefunden hatte. Vor dem Sofa standen aufgereiht die Spuren der letzten Wochen, dutzende Flaschen, mal rot, mal weiß, auf dem Sofa Müll, leere Packungen, ein voller Aschenbecher. Und auch Staub und Dreck hatten inzwischen die Überhand gewonnen, geputzt wurde schon seit Monaten nicht mehr, und auch das Bad sprach eine deutliche Sprache. Auch das inzwischen geronnene Blut auf dem Bett, Teppich und an den Wänden machte klar, die Lage war ernst, fünf vor zwölf war schon vor langer Zeit überschritten worden. Es war beeindruckend, oder doch beängstigend, all das so zu sehen, die zerstörerische Kraft, was aus einem Mensch werden kann, einem Mensch wie mir.

Er hatte Kopfschmerzen, seine Augen schwer und müde, aber es nützte Nichts, der obligatorische Weg war unvermeidbar. Er schleppte sich ins Bad, die übliche, notdürftige Körperpflege, ein paar unauffällige Klamotten an den Leib, dann wie immer los zum Supermarkt, Nachschub besorgen. Am Anfang fühlte er sich schlecht dabei, hatte sich geschämt, aber nach einer Zeit fallen dann auch die letzten Hemmungen. Hauptsache vergessen, verdrängen, mal für ein paar Stunden so etwas wie Erlösung, wie innere Ruhe finden, um dann wieder mit aller Härte des Lebens auf den Asphalt zu krachen. Von Rausch zu Rausch, betäubt durch das Gift, schleichend, langsam hat sich sein Wesen verändert, aus einstiger Freude wurde tiefe Einsamkeit, er blickte in den Spiegel und sah einen fremden Mensch, nichts mehr von dem, was einst war, was gut war, ein erfolgreiches Leben in mitten von Menschen, die einem am Herzen liegen. Alles war zerstört, der letzte Funken Selbstachtung dahin, aber im Rausch der Sinne ließ sich sein jämmerliches Ich immerhin halbwegs ertragen.

Langsam wurde es dunkel, nur noch der Fernseher beleuchtete spärlich den Raum, wie immer lief CNN, so eine Art Erinnerung an sein Leben in der Neuen Welt. Und auch das Gift wirkte, auf eine neue Nacht, und einen weiteren Tag, den er ohne Hilfe nicht mehr überleben würde.

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4 Responses to “Im Rausch betäubt”

  1. Malupia Says:

    Schreiben kannst du. Könnte der Anfang von einem wunderbaren Roman werden. Aber verpass ihm bitte ein schönes Ende!

  2. Miss Sophie Says:

    ..hast einen neuen Leser..werde mich da mal so nach und nach durcharbeiten..gefällt mir..

    LG U.


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